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(2009, Eigenvertrieb/Translation Loss)
Meeresfrüchte-Monat bei Electric Magic! Wenn hier schon Ahab und die Mainschiffer von Captain Duff aufkreuzen, muss auch das neue (P)Fund von Giant Squid seziert werden. Deren vielumjubeltes Debüt „Metridium Fields“ hat ja zumindest jenseits des Atlantiks berechtigterweise für allerhand Wirbel gesorgt. Umso schöner, dass Anfang des letzten Jahres die direkt georderte Fuhre mit fünf Tonnen Band-T-Shirts, 7“-Split und dem ersehnten Nachfolger „The Ichthyologist“ bei mir eintraf. Das Ding sprengte nicht nur mein Buchstabierkünste, sondern auch meine Erwartungshaltung. Wie es so oft nach einem Über-Debüt passiert, war ich anfangs allerdings enttäuscht. Das sollten Giant Squid sein? Klar, der Gesang von Mastermind Aaron Gregory war noch wiederzuerkennen. Aber seit wann sind die so ruppig? Fehlt da nicht was? Aye. Ein gutes Stück Harmonie: Der gute Mann und seine vormalige Ehefrau gehen inzwischen getrennte Wege. Mit der ehemaligen Frontfrau entfällt aber sein Gegenpart für und mit Keyboard, Gitarre, Banjo und Gesang, was den Vorgänger so bemerkenswert melodisch-groovig machte. Ein solcher Verlust wirkt sich aus. Wie Gregory 2006 äußerte: „Aurielle joined about six years ago. We were more a dark reggae punk rock band [namens Koi], like Crass, the Clash or Citizen Fish. But we just got slower and slower.“ Nach dem Verlust von Aurielle „Back to Mädchenname“ Zeitler ergänzten die Gründerväter Gregory und Basser Bryan Beeson des Kraken Kern um den x-ten Schlagzeuger – ein Arbeitskollege von Aquariumstaucher (!) Aaron. Für´s Extravagante zuständig ist nunmehr Jackie Perez-Gratz von Grayceon, ehemaligen Labelpartnern aus den Tagen bei The End Records. Mit denen hat man 2007 besagte 7“-Split-Vinyl „Sutters Fort/The West“ aufgenommen, die ich (2x7 min. für 8 $ + Versand) allerdings nur eingefleischten Fans und Sammlern empfehle. In Punkto Albumdesign hat man in ihr passenden Ersatz für die Verflossene gefunden (ruf mich an!): Perez-Gratz versah den weißen Pappschuber mit einigen wunderschönen zoologischen Zeichnungen Ernst Haeckels. Wobei erwähnt werden sollte, dass es sich bei besprochener CD noch um die inzwischen vergriffene Erstauflage handelt; wie beim Vorgänger erschien die erste Pressung abermals im Eigenverlag. Da Produzent Matt Bayles (u.a. Isis, Mastodon sowie Minus the Bear, Mono) für die von Translation Loss verlegte Scheibe allerdings lediglich einige Stücke neu abgemischt haben soll, dürfte eine Besprechung der alten Ausgabe aussagekräftig genug bleiben. Die aktuell erhältliche Auflage schmückte Comic-Künstler Sam Kieth. Zufall? „The Ichthyologist“ basiert zumindest auf einer gleichnamigen „graphischen Novelle“ Gregorys.
Aber zurück zur Musik. Wenn ich allzu hohe Erwartungen an eine neue Platte habe, und diese durch einige Brüche innerhalb der Band nicht bestätigt werden (können), lasse ich sie erstmal ein paar Monate liegen. Erst danach kann ich unbefangen an das Album herangehen. So ging es mir auch dieses Mal – und im zweiten Anlauf gewann „The Ichthyologist“ an Fahrt. Gregorys Gesang und Gitarre stehen deutlich Vordergrund, beides ist rauer geworden. Stimmlich fehlt ihm diesmal das, was an anderer Stelle so schön als „angst ridden“ beschrieben wurde. An seiner Gitarre hängt manchmal fast schon ein Quentchen zu viel Distortion, so beim Opener „Panthalassa“. Einmal mehr haben einige Gastmusiker ihren Auftritt, so hat man bei drei Stücken erfreulicherweise auch wieder den alten Bläser an Bord. Hört sich nach Seemannsporno an, ist aber wie schon beim Vorgänger die Sahne auf der Torte. Auch Perez-Gratz kann mit ihrem Elektro-Cello eine immer noch recht originelle Note beitragen – jedoch (noch) nicht der Gegenpart sein, den Fräulein Zeitler so fulminant abgab, auch in Punkto Gesang. So auf „La Brea Tar Pits“, auf dem man sich alter Tugenden besinnt, und nach einigen Minuten auch jenen Groove-Strom findet, der schon beim Vorgänger alles mit sich riss. Entspannte Töne finden sich in den folgenden „Sutterville“ und „Dead Man Slough“ – gute Stücke, denen jedoch irgendwie das letzte Bisschen Genialität fehlt. „Throwing a Donner Party at Sea“ dagegen hat´s: Sludge trifft auf Streicherparts, welche an die wilden Letzte Instanz-Tage erinnern, und als Gesangspartner hilft Karyn Crisis mit ordentlich Gefauche aus. Im Zwischenpart wird das Ganze noch fein variiert und mit Trompete garniert. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Neuauflage – das Lied findet sich bereits auf der vergriffenen EP „Monster in the Creek“ von 2005. Geschummelt! Gehen da Gregory und Perez-Gratz angesichts der Resteverwertung der wirklich guten Ideen verlustig? Naja: „Sevengill“ findet erst nach eher ereignislosen 5 Minuten mit einem Gastauftritt Anneke van Giersbergens (Ex-The Gathering) seinen Höhepunkt. „Moron Island“ fließt nach vielversprechendem Anfang in die Bedeutungslosigkeit. „Blue Linckia“ dagegen bietet noch einmal den Schwung alter Tage, und auch die letzten beiden Songs sind ordentlich.
„The Ichtyologist“ ist insgesamt wie Fischsuppe. Es sind seeehr viele Sachen drin: Beim Zubereiten wurde experimentiert und immerhin sechs Gastmusiker verkocht. Auf manche Zutat könnte man getrost verzichten, denn nicht jedes Song-Rezept voll geht auf. Es ist nicht jedermanns Geschmack – insbesondere 70er-Fans werden nach dem Wegfall der liebgewonnenen, atmosphärischen Keyboardparts á la Zeitler wohl nichts mehr mit dieser schwermetalbelasteten neuen Kost anfangen können. Wenn man aber Appetit zeigt, darf gespannt auf das sein, was Gregory und seine tollkühne Crew so servieren: Die eine oder andere Perle ist dabei.
Das (möglicherweise nächste) große Ding aus den Staaten ist auch als Doppel-LP (Vega Vinyl) erhältlich. Also: Während „Metridium Fields“ vor allem dank der Keyboards erhabener und zudem jam-betonter war, wirkt „The Ichthyologist“ – welch klingender Name – ambitionierter, aber auch sperriger. Lässt man das erzählerische Konzept beiseite, hinterlässt die Platte musikalisch nicht den abgerunden Eindruck des Vorläufers. Angesichts der Schwierigkeiten eines solch ambitionierten Projekts will ich aber nicht ausschließen, dass dies bei der neuen Mische (also auf der Translation Loss-VÖ) besser gelungen ist. Giant Squid sind auf jeden Fall eine der Bands, welche souverän Genregrenzen ignorieren. Und so sind nunmehr halt die psychedelischen Doom/Stoner-Zeiten vorbei. Auch wenn die tiefgestimmten Saiten geblieben sind, tendiert das Album mit seiner ebenso strafferen, aber auch komplexeren Songstruktur einerseits stärker hin zum Metal und andererseits hin zum Mathrock (á la June Of 44). Hört also vorher erstmal rein – doch Vorsicht vor den Fangarmen!
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